Eine RKW-Beraterin sitzt beim Kunden und schreibt nicht mehr jede Aussage mit. Mit Zustimmung der Beteiligten wird das Gespräch aufgezeichnet. Eine KI erstellt danach ein Transkript, ordnet offene Punkte und bereitet die Dokumentation vor.

Das klingt zunächst nach einer kleinen Arbeitserleichterung. Tatsächlich zeigt es aber ziemlich gut, wie KI die Beratung verändert: Sie übernimmt immer mehr Arbeit rund um Recherche, Aufbereitung und Dokumentation. Dadurch kann mehr Zeit für das entstehen, was gute Beratung eigentlich ausmacht – zuhören, einordnen, hinterfragen und gemeinsam tragfähige Entscheidungen entwickeln.

Für das RKW Thüringen als Qualitätssicherer ist deshalb nicht entscheidend, welches KI-Werkzeug eingesetzt wird. Entscheidend ist, was dadurch mit der Beratungsleistung passiert.

Wo KI hilft – und wo Beratung erst beginnt

Im Beratungsgespräch lässt sich die Veränderung gut beobachten. Wer gleichzeitig zuhört, nachfragt, mitschreibt und schon an das spätere Protokoll denkt, verteilt seine Aufmerksamkeit auf mehrere Aufgaben. Wenn KI einen Teil dieser Nebenarbeit übernimmt, kann sich der Berater stärker auf Zusammenhänge, Widersprüche und die Situation des Unternehmens konzentrieren.

Das gilt längst nicht nur für Gesprächsprotokolle. Unterlagen können schneller gesichtet, Informationen strukturiert und Varianten vorbereitet werden. Aus einer Diskussion kann direkt ein Prozessbild entstehen. Ein erster Angebotsentwurf oder eine Szenarienübersicht lässt sich innerhalb kurzer Zeit erstellen.

Damit verschiebt sich die Arbeit in der Beratung.

Die Grafik bringt diese Verschiebung auf den Punkt: Bei Informationsbeschaffung, Strukturierung und der Erzeugung erster Varianten kann KI heute sehr viel übernehmen. Je weiter es aber in Richtung fachliche Bewertung, Übertragung auf den konkreten Betrieb, Priorisierung und Umsetzung geht, desto wichtiger wird die eigentliche Beratungsleistung.

Oder kürzer:

Je leichter Ergebnisse erzeugt werden können, desto wichtiger wird die Fähigkeit, sie richtig zu bewerten.

Aus unseren RKW Labs und aus Beratungsprojekten sehen wir genau diese Entwicklung. KI ersetzt dabei nicht einfach einzelne Tätigkeiten. Sie verschiebt vielmehr, wo in einer Beratung Zeit eingesetzt wird und wo der eigentliche Wert entsteht.

Gute Beratung wird durch KI nicht automatisch besser

Ein sauber formulierter Bericht, ein professionelles Schaubild oder zehn Lösungsvarianten lassen sich heute sehr viel schneller erzeugen als noch vor wenigen Jahren.

Das ist ein Fortschritt. Es verändert aber auch den Qualitätsmaßstab.

Ein umfangreicher Bericht ist nicht automatisch ein gutes Beratungsergebnis. Entscheidend bleibt, ob Ausgangssituation, Analyse und Empfehlung zusammenpassen und ob deutlich wird, warum eine bestimmte Lösung für genau dieses Unternehmen sinnvoll ist.

Genau deshalb reicht es aus unserer Sicht nicht aus, ein KI-Ergebnis nur sprachlich oder formal zu prüfen.

Wir würden ein Beratungsergebnis gedanklich durch fünf Qualitätstore schicken: Stimmen die zugrunde liegenden Informationen? Ist die Aussage fachlich richtig? Passt sie zum konkreten Betrieb? Ist sie dort tatsächlich umsetzbar? Und lässt sich später feststellen, ob die Maßnahme wirkt?

Diese Fragen gab es auch vor KI. Sie werden aber wichtiger, weil heute in sehr kurzer Zeit deutlich mehr Material erzeugt werden kann.

Die Aufgabe guter Beratung verschiebt sich damit ein Stück weit von der Erstellung zur Bewertung und Auswahl.

Die schwierige Grenze: Wenn ein Ergebnis richtig aussieht

Gerade bei der fachlichen Bewertung entsteht eine neue Herausforderung.

Eine Untersuchung mit 758 BCG-Beraterinnen und -Beratern zeigt das sehr deutlich. Bei Aufgaben innerhalb der Leistungsgrenze der untersuchten KI arbeiteten die Teilnehmenden rund 25 Prozent schneller und erzielten bessere Ergebnisse. Bei einer Aufgabe außerhalb dieser Leistungszone lagen KI-Nutzende dagegen häufiger falsch als die Kontrollgruppe. (1)

Die Forschenden sprechen von einer „gezackten Leistungsgrenze“. Eine anspruchsvolle Aufgabe kann sehr gut funktionieren, während eine scheinbar ähnliche Aufgabe plötzlich außerhalb der Fähigkeiten des Systems liegt.

(1)Quelle:Dell’Acqua et al., Harvard Business School / BCG, Navigating the Jagged Technological Frontier.​​​​​​​ 

Für die Beratung ist daran ein Punkt besonders wichtig: Man erkennt diese Grenze nicht zuverlässig an der Qualität der Formulierung.

Ein falsches Ergebnis kann ebenso sauber aufgebaut, vollständig und überzeugend formuliert sein wie ein richtiges.

Fachliche Kompetenz wird nicht weniger wichtig, sondern wichtiger

Besonders kritisch wird das in Themen, in denen der Beratende selbst nur begrenzte Erfahrung hat.

KI macht es heute leicht, sich schnell in Normen, Rechtsfragen, Förderlogiken oder neue Branchen einzuarbeiten. Das ist hilfreich. Es verführt aber auch dazu, eine gute Zusammenfassung mit echtem Fachwissen zu verwechseln.

Die Grafik zeigt das Problem: Je weiter wir uns vom eigenen Fachgebiet entfernen, desto schlechter können wir Fehler selbst erkennen. Gleichzeitig steigt die Versuchung, uns auf die plausibel klingende KI-Antwort zu verlassen.

Eine weitere Untersuchung der Harvard Business School zeigt, dass Gegenfragen dieses Problem nicht automatisch lösen. Das untersuchte System legte seine Grenzen bei Widerspruch nicht zuverlässig offen, sondern begründete fehlerhafte Aussagen teilweise nur noch überzeugender.(2)

(2)Quelle:Randazzo et al., Harvard Business School Working Paper 26-021, GenAI as a Power Persuader.

Für Beratung folgt daraus ein ziemlich einfacher Grundsatz:

KI kann den Einstieg in ein Thema beschleunigen. Sie ersetzt aber nicht die Kompetenz, ein Ergebnis fachlich beurteilen zu können.

Das ist gerade aus Qualitätssicherungssicht entscheidend.

Mehr Möglichkeiten verändern die Beratungsaufgabe

KI erzeugt nicht nur Ergebnisse schneller. Sie macht es auch sehr leicht, mehr Möglichkeiten zu erzeugen.

Früher wurde vielleicht ein Organisationsmodell detailliert ausgearbeitet. Heute lassen sich innerhalb kurzer Zeit drei oder fünf Varianten gegenüberstellen. Prozesse können unterschiedlich visualisiert, Szenarien durchgespielt und alternative Maßnahmenpakete entwickelt werden.

Das ist zunächst ein Gewinn.

Nur: Ein Unternehmen kann deshalb nicht fünfmal so viele Veränderungen umsetzen.

Genau hier bekommt die Umsetzungslücke ihre Bedeutung für die Beratung. Die technische Fähigkeit, Optionen zu erzeugen, wächst deutlich schneller als die Fähigkeit eines Unternehmens, diese zu bewerten, zu entscheiden und anschließend im Alltag umzusetzen.

Damit verschiebt sich eine weitere Kernaufgabe guter Beratung.

Die Frage lautet immer weniger:

Was wäre alles möglich?

Sondern:

Was davon ist für dieses Unternehmen sinnvoll, wirtschaftlich und tatsächlich leistbar?

Das ist keine Einschränkung der neuen Möglichkeiten. Es ist die notwendige Auswahl daraus.

Gute Beratung muss näher am Unternehmen sein

Wenn Recherche, erste Analysen und Standardkonzepte leichter verfügbar werden, verliert allgemeines Wissen ein Stück weit seinen bisherigen Wert.

Wichtiger wird dafür etwas, das eine KI nur begrenzt kennen kann: der konkrete Betrieb.

Welche Erfahrungen wurden bereits gemacht? Welche Veränderung ist mit der vorhandenen Mannschaft realistisch? Wo liegen echte Engpässe? Welche informellen Abläufe gibt es? Was funktioniert auf dem Papier, würde aber im Alltag sofort scheitern?

Gerade deshalb sehen wir nicht, dass KI gute Unternehmensberatung überflüssig macht.

Sie verändert vielmehr den Schwerpunkt.

Weniger Wert entsteht durch das reine Erzeugen von Informationen. Mehr Wert entsteht durch Einordnung, Widerspruch, Auswahl und Begleitung der Umsetzung.

Darin liegt auch ein Risiko der Gleichförmigkeit. Wenn viele Beratende dieselben Werkzeuge mit ähnlichen Fragestellungen nutzen, können Konzepte schnell ähnlich aussehen. Der Unterschied entsteht dann umso stärker aus dem Verständnis des konkreten Unternehmens.

Auch die Arbeitsweise selbst muss professionell bleiben

Neue Möglichkeiten bringen neue Anforderungen an die Beratungsarbeit.

Das Beispiel der Gesprächsaufzeichnung funktioniert nur, wenn alle Beteiligten der Aufnahme zustimmen. Bei personenbezogenen oder vertraulichen Informationen müssen Datenschutz, Speicherort, Zugriffsrechte und Löschung geklärt sein. Kundendaten, Verträge, interne Zahlen oder Personaldaten gehören nicht ungeprüft in beliebige KI-Systeme.

Genauso wichtig ist die Prüfpflicht der Ergebnisse.

KI kann vorbereiten, strukturieren und formulieren. Die Verantwortung für eine fachliche Empfehlung bleibt beim Beratenden.

Das ist aus unserer Sicht keine Einschränkung des Einsatzes von KI, sondern Teil professioneller Beratung.

Was KMU von guter Beratung erwarten können

Für Unternehmen wird deshalb nicht entscheidend sein, ob Beratende KI nutzen. Wahrscheinlich wird das in vielen Bereichen bald selbstverständlich sein.

Interessanter sind andere Fragen: Versteht der Beratende unsere Situation? Kann er erklären, warum eine Empfehlung sinnvoll ist? Erkennt er die Grenzen seiner eigenen und der eingesetzten Werkzeuge? Werden Alternativen nicht nur erzeugt, sondern fachlich bewertet? Und bleibt die Beratung auch bei der Umsetzung am tatsächlichen Betrieb orientiert?

Daran lässt sich Qualität wesentlich besser erkennen als an der Zahl eingesetzter KI-Tools.

KI verändert die Beratungspraxis spürbar. Viele vorbereitende Arbeiten werden schneller und manche Ergebnisse leichter erzeugbar.

Gerade deshalb wird der Kern guter Beratung klarer sichtbar:

Nicht möglichst viel produzieren. Sondern verstehen, prüfen, auswählen und gemeinsam umsetzen.

Wenn Sie für Ihr Unternehmen eine passende Beratung suchen oder eine Einordnung zu Ihrem Beratungsvorhaben benötigen, sprechen Sie uns an.

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Beratung passend zu Ihrem Unternehmen

Nicht jede technische Möglichkeit ist für jedes Unternehmen sinnvoll. Wir unterstützen Thüringer KMU dabei, Beratungsbedarfe einzuordnen und passende Beratende für das jeweilige Vorhaben zu finden.

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André Pesch Leiter Beratungsdienst

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André Pesch